Nachbericht: Die 25. GQMG-Jahrestagung – Im Einsatz für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung

Eine Bilanz von 25 Jahren Tätigkeit zog die GQMG (Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung e.V.) auf ihrer Jahrestagung am 13. und 14. April in Berlin. Die Fachgesellschaft hat seit ihrer Gründung 1993 die systematische Verbesserung der Patientenversorgung vorangetrieben.

Visuelle Eindrücke von der Tagung mit Fotos von Dirk Heckmann finden Sie am Ende dieser Seite.

Freitag, 13. April 2018

Auf dem Podium am Freitag erinnerte eine illustre Runde ehemaliger Vorsitzender der GQMG mit Prof. Hans-Konrad Selbmann, Tübingen, Prof. Matthias Schrappe, Köln, und Prof. Ralf Waßmuth, Düsseldorf, gemeinsam mit dem derzeitigen Amtsinhaber PD Dr. Jens Maschmann, Universitätsklinikum Jena, an Meilensteine der systematischen Qualitätsverbesserung im Gesundheitswesen.
Frau Dr. Regina Klakow-Franck, unabhängiges Mitglied des Gemeinsamen Bundesausschuss und Vorsitzende des Unterausschusses Qualitätssicherung berichtete im Eröffnungsvortrag unter der Überschrift „Gesetzliche Qualitätssicherung – Quo vadis?“ über aktuelle Entwicklungen.

Anlässlich des Jubiläums der GQMG wurde auch das Abendprogramm gestaltet. Es ging mit knapp 40 Leuten in die BAR JEDER VERNUNFT zum Musik-Kabarett, wo „Anna Mateur & The Beuys“ dem Publikum ein ausgewöhnlich unterhaltsames Programm lieferte. „Sie ist eine großartige, wundersame Erscheinung, die mit ihrem sagenhaften Stimmvolumen und abgrundkomischen Witz-Ernst alles in den Schatten stellt, was sich hierzulande als Großkunst, Kleinkunst, Neben- oder Zwischenkunst zu behaupten versucht. Anna Mateur ist: Sonderkunst!“ (Zitat: BAR JEDER VERNUNFT)

Samstag, 14. April 2018

Der nächste Tag startete mit der Mitgliederversammlung der GQMG. Nach einer kurzen Überleitungspause thematisierte Prof. Dr. Dr. Karl-Heinz Wehkamp, Bremen, die Kluft zwischen ärztlichem Anspruch und ökonomischen Zwängen im Krankenhaus in seinem Vortrag „Qualität, Ethik und Ökonomie im Krankenhaus“.
In einer Reihe von parallellaufenden Workshops konnten sich die rund 90 Teilnehmer der Veranstaltung zu eigenen Projekten inspirieren lassen.

Workshop „Best Practice in Quality and Safety“ (von Dr. rer. medic. Thomas Petzold)

Im Workshop "Best Practice in Quality and Safety" wurden fünf erfolgreich umgesetzte Projekte des Qualitäts- und Risikomanagements aus der Praxis vorgestellt. „Die Projekte umfassten unterschiedlichste Facetten des Qualitäts- und Risikomanagements und verdeutlichten die Spannbreite von Ansatzpunkten, an welchen Stellen QM-Beauftragte eingebunden sind, Unterstützung durch das Qualitätsmanagement erwünscht ist und welche Aspekte mit dem Qualitätsmanagement assoziiert sind. Die Beiträge umfassten u.a. systemische Änderungen und damit verbundene kritische Erfolgsfaktoren, wie die Umstellung und Einführung der DIN EN ISO 9001:2015. Ein weiterer Beitrag stellte die Wissensvermittlung von Maßnahmen der Händehygiene an einem Universitätsklinikum in den Vordergrund (Web-based Training – Händehygiene). Die eingeführten webbasierten Schulungsmethoden wurden näher vorgestellt und daraus resultierende Ergebnisse für die Händehygiene diskutiert. Gleich zwei Beiträge stellten Möglichkeiten des Umgangs mit Qualitätsergebnissen im Zuge des Public Reportings in Deutschland und der Schweiz dar. Frau Regula Heller vom Nationalen Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) aus Bern berichtete über „Qualitätsmessungen in der Schweiz: Pionierleistung bei Transparenz und Publikation der Resultate“. Abschließend erfolgte die Darstellung des Entlassmanagements, organisatorische Hürden und Effekte für die Patientenversorgung.“

Workshop „Vom Trouble Shooting zu beherrschten Prozessen“ (von Dr. rer. nat. Doris Kurscheid-Reich)

Im Workshop „Vom Trouble Shooting zu beherrschten Prozessen“ stellte die GQMG-AG Prozessmanagement ihr neustes Positionspapier „Beherrschte Prozesse“ den zahlreichen Teilnehmern vor und die Gelegenheit genutzt, verschiedene Aspekte des Themas noch zu vertiefen. Zunächst erläuterte Dr. Christian Bamberg, Mannheim, den Inhalt des Positionspapiers und damit auch den Begriff des beherrschten Prozesses. Dies wurde durch den folgenden Beitrag von Dr. Ulrich Paschen, Hamburg, noch vertieft, der die „Bedeutung der Prozessbeherrschung für spezielle Prozesse“ ausführte. Abschließend hat Dr. Falko Schulte, Kiel, anschaulich dargestellt, wie die IT die Prozessbeherrschung unterstützen kann. Die Teilnehmer nutzten rege die Gelegenheit, das Thema im Anschluss zu diskutieren.

Workshop „empCARE – Pflege für Pflegende“ (von Ludwig Thiry, M.A.)

Im Workshop „empCARE – Pflege für Pflegende“ stellten Vertreter des Verbundprojektes empCARE einen neuen Ansatz für die Gesundheitsprävention von Pflegenden vor. Die Anerkennung, Einbeziehung und Befähigung der Beschäftigten sind wesentlich für das aktuelle Qualitätsmanagement. Dazu gehört die Verantwortung für die Gesundheit und die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In zweitägigen Trainings und nachfolgenden Coachings erlernen Teilnehmerinnen und Teilnehmer den achtsamen Umgang mit den eigenen empathischen Fähigkeiten. Dabei geht es nicht um ein immer noch mehr an Empathie, sondern um einen reflektierten Umgang damit. empCARE ermöglicht die Integration eigener Gefühle und Bedürfnisse in emotional belastende pflegerische Interaktionen bei gleichzeitig wertschätzendem Umgang mit Patientinnen und Patienten.

Die auf der Jahrestagung vorgestellten Ergebnisse der formativen Evaluation belegen eine hohe Teilnehmerzufriedenheit. Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestätigen, dass sie gelernt haben, ihre eigenen Gefühle besser wahrzunehmen und zu akzeptieren und in angemessener Form in die pflegerische Beziehung einzubringen. Dies sind erste Hinweise auf den Abbau von emotionaler Dissonanz (Nerdinger), einer der wichtigen Ursachen von Belastungsgefühlen in Dienstleistungsberufen. Die formative Evaluation zeigt auch, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer am empCARE-Training eine verstetigte Begleitung in der Praxis wünschen, um zu dauerhaften Effekten zu kommen. Die Effekte des Trainings auf das Belastungserleben von Pflegenden werden durch mehrfache Nachbefragungen bis zu zwölf Monate nach dem Training überprüft. Die Endergebnisse werden auf einer Tagung am 04.10.2018 an der Uniklinik Bonn vorgestellt.

Fixe Personaluntergrenzen: Fluch oder Segen? (von Vera Lux)

Zur aktuellen Diskussion um „Fixe Personaluntergrenzen: Fluch oder Segen?“ referierte Irene Maier, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Pflegerats (DPR). Frau Lux, stellvertretende Vorsitzende der GQMG, hierzu

„Seit der Einführung der DRGs im Jahr 2003 sind ca. 50.000 Stellen in der Pflege abgebaut worden. Parallel dazu beobachten wir die demografische Entwicklung und einen rasanten Fortschritt in der Medizin und Technik. Aufgrund des Fortschritts können heute auch hochaltrige Patienten operiert und erfolgreich behandelt werden. Damit verbunden ist allerdings auch ein höherer Betreuungsaufwand für die Pflege. Durch den Personalabbau im Pflegedienst, Fallzahlsteigerungen, Verweildauerrückgang sowie zunehmende Dokumentationspflichten ist es zu einer Arbeitsverdichtung und zu einer enormen Belastung für die Beschäftigten in der Pflege gekommen. Mit der Folge, dass es eine hohe Unzufriedenheit unter den Pflegenden gibt, die Ausfallzeiten angestiegen, viele in Teilzeit geflüchtet oder zu Zeitarbeitsfirmen gewechselt sind und Pflege als Ausbildungsberuf an Attraktivität verloren hat. Mittlerweile fehlen überall Fachkräfte, so dass Operationen nicht durchgeführt, Intensivbetten geschlossen, ambulante Pflegedienste neue Klienten ablehnen müssen und die Wartezeiten für einen Platz in einer stationären Pflegeeinrichtung ansteigen.

Trotz eines leichten Personalaufbaus in den letzten 5 Jahren aufgrund der Pflegestellenförder-programme hat sich der Fachkräftemangel in der Pflege weiter verschärft. Viele Einrichtungen können ihren Bedarf an Fachkräften nicht mehr adäquat decken, es drohen eklatante Versorgungslücken.

Der Gesetzgeber hat daher mit dem Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) beschlossen Personaluntergrenzen in pflegesensitiven Bereichen einzuführen. Hierzu wurde die Selbstverwaltung der DKG und GV beauftragt Vorschläge zu Personaluntergrenzen in pflegesensitiven Bereich zu erarbeiten. Eine Expertenkommission unter Beteiligung des DPR hat den Auftrag bis zum 30.06.2018 mit Wirkung vom 01.01.2019 Vorgaben für Personaluntergrenzen in pflegesensitiven Bereichen zu machen. Sofern dem BMG bis zu diesem Zeitpunkt kein Konzept vorliegt, wird das BMG eine Ersatzvorwegnahme vornehmen. Irene Maier berichtet als Vizepräsidentin des DPR über den aktuellen Stand der Verhandlungen und zur Position des DPR. Wichtig ist es dem DPR, dass die Pflege an der Gestaltung dieser Vorgaben beteiligt ist. Die Vorgaben müssen darüber hinaus sicherstellen, dass der Personalzusatz in einzelnen Bereichen nicht zu Lasten anderer Bereiche geht und die zusätzlichen Kosten voll erstattet werden. Ziel des DPR ist es daher, dass die Mittel zweckgebunden zur Verbesserung der Situation zum Einsatz kommen. Ein entsprechender Nachweis soll erbracht werden, was wiederum nicht zu einem überbordenden administrativen Aufwand führen darf. Grundsätzlich sieht der DPR alle Bereiche als pflegesensitiv an berichtet Frau Maier und fordert Personaluntergrenzen für alle bettenführende Bereiche. Eine adäquate Personalausstattung ist essentiell um eine sichere Versorgung der Patienten zu gewährleisten.

Bis zur Jahrestagung der GQMG am 13. und 14. April 2018 gab es noch keine konkreten Informationen, wie die Personaluntergrenzen nun aussehen werden.“

Anmerkung der Redaktion: Nachdem zunächst die Verhandlungen zu scheitern drohten, konnte unter Einbindung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) eine Einigung erfolgen. Es gibt einen Kompromissvorschlag der drei Stufen beinhaltet.

Mythos Fachkräftemangel (von Vera Lux)

Martin Gaedt warb unter der Überschrift „Mythos Fachkräftemangel“ dafür, dass Gesundheitseinrichtungen unkonventionelle Wege im Personalmarketing gehen sollten.

„Der Fachkräftemangel wird als eine der größten Herausforderungen in der Zuknunft angesehen. In allen Branchen wird händeringend nach qualifiziertem Personal gesucht. Findet man dieses nicht ist die Leistungsfähigkeit der Unternehmen und damit am Ende auch die der Gesamtwirtschaft in Deutschland bedroht. Auch das Gesundheitswesen ist zunehmend betroffen. Schon heute führt dies vereinzelt zu Bettenschließungen bis hin zur Schließung ganzer Abteilungen (Geburtshilfe), Kunden müssen abgelehnt (Ambulante Pflegedienste) werden und die Wartelisten/-zeiten für einen stationären Pflegeplatz steigen weiter an. Im Gesundheitswesen kann man jedoch nicht wie vielerorts sonst in der Industrie - durch Automatisierung und Digitalisierung - den Fachkräftemangel (teilweise) kompensieren. Sowohl der Arztberuf als auch der Pflegeberuf basieren auf einem Beziehungsaspekt, dem persönlichen Gespräch, dem Aufbau von Vertrauen und der Beratung, Schulung und Anleitung im individuellen Umgang mit der Krankheit und Therapie. Digitale Systeme wie z.B. Labor- und Röntgensysteme, Arzneimitteldatenbanken, digitale Wiege- und Messsysteme oder auch Dokumentationssysteme etc. können dabei leidglich unterstützen.

Nun kann man aber auch beobachten, dass es Unternehmen oder auch ganze Regionen gibt, die nicht über Fachkräftemangel klagen. Wie kann das sein? Woran liegt das und was sind die Gründe, dafür, dass diese Unternehmen/Regionen nicht über Fachkräftemangel klagen? Martin Gaedt hat sich intensiv mit dem Thema Fachkräftemangel befasst. Er stellt z.B. fest:

Eine Million Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss während Jahr für Jahr 60.000 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben und immer weniger Betriebe bilden überhaupt aus.“

Oder warum bekommt die Mehrzahl guter Bewerber eine Absage oder gar keine Antwort von Arbeitgebern mit offenen Stellen? Viele Unternehmen benehmen sich noch immer arrogant und überheblich, Personalabteilungen sind vielerorts eher Verwalter als Dienstleister und Bewerber und Mitarbeiter vermissen Wertschätzung und Serviceorientierung.
Aber die Spielregeln am Arbeitsmarkt haben sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Nicht mehr der Arbeitgeber sucht aus, wer die Stelle bekommt, sondern der Bewerber wählt das Unternehmen aus, bei dem er arbeiten möchte. Das bedeutet, dass wir mit dem bisherigen Verhalten und Vorgehen nicht mehr weiterkommen. Kreative Ideen, unkonventionelle Maßnahmen sowie eine hohe Agiliät sind erforderlich um auf dem Arbeitmarkt zu punkten. Martin Geadt hat anhand vieler Beispiele aufgezeigt, was schief läuft und wie man es anders machen kann. Provokante Thesen und überzeichnete Ideen haben die Teilnehmer bei der Jahrestagung 2018 zum Reflektieren und Debattieren im Umgang mit Bewerbern und Mitarbeitern angeregt. Vieles davon finden sie in dem Buch Mythos Fachkräftemangel, welches ich genauso empfehlen kann wie das Buch ROCK YOUR IDEA. Beide Bücher haben mich sehr inspiriert und einiges davon ich auch schon erfolgreich ausprobiert.

Fazit: Es ist wichtig und lohnt sich alte Pfade verlasssen und neue unkonventionelle Wege bei der Suche nach Fachkräften zu gehen. Jeder einzelne neue Mitarbeiter zählt. Ist dieser zufrieden bestehen gute Chancen, dass er das Unternehmen weiterempfiehlt und noch weitere Bewerber nachzieht.“

Dr. Markus Holtel, Dr. Stefan Pilz und (in Abwesenheit Dr. Benedikt Sommerhoff) warfen mit gemeinsamen Überlegungen der GQMG und der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ) „Beyond agil, beweglich im Kopf“ einen vorsichtigen Blick in die Zukunft des Qualitätsmanagements in der Gesundheitsversorgung. Das nächste Treffen hierzu findet in den Hallen der DGQ in Frankfurt, am Freitag, den 22. Juni 2018 von 11-17 Uhr statt – auch von der DGQ werden weitere Teilnehmer anwesend sein.

Der diesjährige Best-Abstract-Preis ging an eine Arbeit der Hochschule Hannover mit dem Titel „Welche Themen sprechen unzufriedene Rezensenten von Geburtskliniken an? Analyse von Erfahrungsberichten auf einem Klinikbewertungsportal“. Marcelino Granda Fernandez, André Pukowski und Dr. PH Christiane Patzelt nahmen den Preis auf der Abschlussveranstaltung entgegen.

Den humorvollen Beitrag der Schweizerischen Schwestergesellschaft „Qualität hat einen Namen: Grüezi aus der Schweiz“, anlässlich des 25jährigen Bestehens der GQMG, zum Erwerb des Jodeldiploms quittierte das Auditorium mit großer Begeisterung.

Vera Lux, stellvertretende Vorsitzende der GQMG und mit verantwortlich für das Programm der 25. GQMG-Jahrestagung, im Hauptberuf Vorstand Pflege des Universitätsklinikums Köln, zog ein positives Fazit der Veranstaltung. „Es sei gelungen, die Wurzeln der GQMG zu betrachten und zugleich die brennenden aktuellen Probleme rund um das Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung zu beleuchten.“

GQMG-Geschäftsführer Burkhard Fischer, Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen, verwies Interessierte auf das nächste Expertentreffen. Im GQMG-Summercamp 2018 bietet die Fachgesellschaft vom 29.09. bis 02.10.2018 im Kloster Loccum erneut Gelegenheit zum intensiven und zugleich ungezwungenen Erfahrungsaustausch unter der Überschrift „Qualität treibt uns an“.

Ihr Redaktionsteam

Dr. med. Markus Holtel
Sabine Schwaneberg, M.Sc.

Visuelle Eindrücke von der Tagung

Fotos von Dirk Heckmann

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